701 Schulhauserweiterung Dagmersellen

2020-21
Öffentlicher Projektwettbewerb — 2. Rang (von 34 eingereichten Projektvorschlägen)
Landschaftsarchitektur: Christoph Wey Landschaftsarchitektur Luzern
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Rain

ORT | Der Anschluss an die Autobahn Nord-Süd Achse in den 1980er Jahre brachte der Gemeinde Dagmersellen eine noch grössere Entwicklung und Wachstum als der Wirtschatsaufschwung nach den Kriegsjahren. Dagmersellen wurde somit vom Dorf im Luzerner Hinterland zu einem der Haupteinzugemeinden an der nördlichen Kantonsgrenze zum Aargau. Rund um das Geviert der Kirche und dem Dorfkern sind die Entwicklungsschritte unverkennbar ablesbar. Verschiedene Gebäudetypologien erzählen die Geschichte des Ortes. Dabei spielen nicht primär die differenzierten Gebäudevolumen eine zentrale Rolle, sondern viel mehr die einzelnen Ausbildungen der Dachlandschaften. Die Dachlandschaften lesen sich als Historie des Ortes und verankern die einzelnen Gebäude in ihrer eigene Zeitepoche.

Das Schulareal wurde durch das erste, gründerzeitliche Schulhaus Linde, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Pfarrkirche, Nord-Östlich des Dorfkernes etabliert. Mit dem grossen Wachstum Mitte des letzten Jahrhunderts erfuhr das Schulareal über Jahrzehnte mehrere Erweiterungs- und Umbauphasen. Die letzte Erweiterung durch das Schulhaus Buche 2007, knüpfte am campusartigen Städtebau an und komplettierte diesen gegen Süden. Eingebettet zwischen weiteren verschieden öffentlichen Nutzungen bilden die Sportfelder im Nord-Osten der Anlage den Übergang in das Wohnsiedlungsgebiet. Auffallend an der heutigen Situation ist, die mangelnde Adressierung der gesamten Anlage. Durch die ausformulierte Gebäudevolumetrie des zentral liegenden Schulhauses Föhre entstehen im Rücken der Kirche zwei Plätze, die eine Adressierung anmuten aber die Schulanlage zum Gemeindezentrum Arche nicht klar abschliessen.

Prägend für den Ort der Schule selbst, ist weiter die parallel zur Schulhausanlage flach abfallende Hangkante. Die daraus entstandene gebaute Topographie verortet die bestehenden Schulhausbauten im Ort.

STÄDTEBAU | Der Projektvorschlag «FOLIA LIGNI» schlägt einen kompakten Ersatzneubau vor, der alle geforderten Nutzungen unter einem gemeinsamen Dach vereint. Das Neubauvolumen im Bereich der heutigen SchulhäuserFöhre und Kastanie ermöglicht eine klarere Adressierung der Schulanlage und gibt den zwei flankierenden Plätzen eine deutliche Hierarchie. Insbesondere die direkte Erschliessung entlang der Süd-Östlichen Kirchenflanke wird somit aufgewertet und zur Haupterschliessungsachse des Schulareals. Die heutige Erschliessung zur Arche dient einzig noch der Parkierung, Anlieferung und als Nebeneingang des Neubaus. Die Position des neuen Schulhauses erzeugt zudem gegen Süd-Osten eine öffentliche Adresse und ermöglicht gleichzeitig gegen Nord-Westen eine klare Abgrenzung zu den Gebäuden der Pfarreigemeinde. Im Zuge des Ersatzneubaus erhalten Quartier und Nachbarschaft einen neu formulierten und grosszügig strukturierten öffentlichen Freiraum. Raum für vielfältige öffentliche Nutzungen - auch ausserhalb der Schulzeiten. Für Vereins- und Schulfeste, Weihnachtsmärkte oder Sportveranstaltungen. 

Die maximale Gebäudehöhe wird aus den örtlichen Gegebenheiten mit der Zivilschutzanlage, den geforderten Raumhöhen und statischen Aufbauten erzeugt. Dabei wird das Gebäudevolumen gegenüber der Arche und direkt hinter der Kirche bewusst reduziert. Eine direkte Reaktion auf die Platzhierarchie, Adressierung und Rücksicht gegenüber der Nachbarschaft. Das markante Volumen des Schulhauses unterstützt dabei den Charakter des öffentlichen Baus im peripheren Dorfkernrand. Begünstigt durch die Topografie erscheint das dreistöckige Volumen von allen Plätzen mehrheitlich zweigeschossig.

Die Dachstruktur des Sheddaches scheint eine direkte Ableitung aus der statischen Struktur zu sein. Vielmehr aber ist die Dachgestalt auch eine Reaktion aus dem städtebaulichen Muster der Dorfkernzone. Mit der markanten Dachform stärkt der Neubau den öffentlichen Ort und nimmt direkten Bezug zu den historischen Bauetappen.

LANDSCHAFT | Die Gebäude der Schule Dagmersellen gruppieren sich um den grosszügigen Pausenplatz. Auf vielfältigen Wegen lässt sich das Areal erkunden und zum zentralen Pausenplatz finden. Mit dem Wegfall und Ersatz der beiden Turnhallengebäude soll diese Qualität erhalten und verbessert werden.

Der Neubau der Dreifachturnhalle fasst als Gegenpart zu den bestehenden Schulhäusern ‘Birke’ und «Buche» den Pausenplatz. Alle drei Gebäude erschliessen sich über kurze Distanz über den Pausenplatz. Dem offenen, übersichtlichen Platz steht der Park gegenüber, welchen den bestehenden, grünen Pausenplatz weiterspinnt und so Schulareal und Kirchenumgebung miteinander verwebt. Laubgehölze, schmale Pfade und Sitzmöglichkeiten erzeugen Intimität und Rückzugsmöglichkeiten. Drei teilweise bestehende Bauminseln verbinden den Park über den Pausenplatz zu den bestehenden Rasen- und Allwetterplätzen. Eine grosszügige Treppe führt zur bestehenden Pausenhalle und zu den Sportplätzen. 

Der bestehende Spielplatz und das Kleintiergehege bleiben am gleichen Ort und werden aufgewertet. Sie bilden Abschluss des Schulareals und Verbindung zum Pfarrei- und Gemeindezentrum ‘Arche’. Die Parkierung für PW und Velo dient Schule und Gemeindezentrum.

NUTZUNG | Die Gebäudevolumetrie entwickelt sich stark aus der örtlichen Gegebenheit heraus. Die Erdgeschosshöhe der Dreifachturnhalle ist an der Oberkante der Zivilschutzanlage angesetzt. Eine optimale Meereshöhe von der die gesamte Höhenlage des neue Schulhaues abgeleitet werden kann. Auf diese Weise kann ein überhohes und repräsentatives Foyer mit einem Höhenversatz von 0.75m gegenüber der Erdgeschosskote und einer optimalen Anbindung an den bestehende Pausenhof erzeugt werden. Darüber und ebenfalls in Richtung Pausenhof sind die Aufenthaltsbereiche der Tagesstruktur untergebracht, ohne dass die Höhe der Turnhalle überschritten werden. Im Untergeschoss, angebunden an den tieferliegenden Parkplatzbereich, entwickeln sich L-Förmig um die bestehende Zivilschutzanlage ein Bauvolumen für die Werkstätten, Umkleide- und Nebenräumen. Dabei wird darauf geachtet, dass alle Nutzungen die Tageslicht benötigen, über Terrain angeordnet sind.

Wirtschaftlichkeit | Ein kompakter Baukörper integriert das gesamte Raumprogramm unter ein Dach und schafft damit ein hohes Mass an Raumeffizienz. Dies verspricht einen wirtschaftlichen Bau mit energetischen, funktionalen und betrieblichen Vorteilen. Ein Baukörper mit wenig Aushubvolumen und erdberührten Räumen verspricht eine direkte Auswirkung auf die Ökonomie. Es wurde bewusst darauf geachtet, dass der Hallenbau nicht mit einem aufwendigen Aushub in den Untergrund versenkt wurde. Vielmehr geht eine Grossteilt der Baustruktur auf die Holzbauweise ein und verspricht so eine kompakte ökologische Bauzeit. 

Tragstruktur | Das Primärtragwerk der Turnhalle besteht aus Fachwerkträgern, welche das steile Element vom Sheddach bilden und auf Pendelstützen ruhen. Die nach Süden ausgerichtete Dachfläche zwischen den Fachwerken wird mit einem Rippenelement überspannt. Dabei wird über die Dreischichtplatte vom Rippenelement sowie die Fachwerke die Dachscheibe ausgebildet, welche die horizontalen Kräfte auf Wandscheiben in die beiden Hauptrichtungen abträgt. Die Dachelemente übernehmen neben den statischen Aufgaben mit der bereits in der Vorfabrikation integrierten Wärmedämmung und Akustikbekleidung auch wichtige bauphysikalische Aufgaben.

Der Ostteil wird über dem Terrain mit Ausnahme vom massiven Treppenhaus in Holzrahmenbauweise errichtet. Die Geschossdecke wird dabei mit vorfabrizierten Hohlkastenelementen mit integrierter Splittschüttung erstellt. Damit können alle Anforderungen an Brandschutz und Schallschutz erfüllt werden.

Die gesamte Holzkonstruktion wird mit Brettschichtholz und Konstruktionsholz in einer gut verfügbaren Qualität gefertigt. Dadurch wird die Möglichkeit einer hohen regionalen Wertschöpfung vom Rohstoff über Verarbeiter und Lieferanten bis hin zum ausführenden Holzbauer eröffnet . Durch den hohen Vorfertigungsgrad wird die Bauzeit vor Ort sehr kurz gehalten. Damit wird dem Thema Nachhaltigkeit mit seinen ökologischen aber auch ökonomischen und sozialen Aspekten in der Konstruktion eine hohe Gewichtung gegeben.